Ich erblicke Sie durch das Fenster: Meine Nachbarin. Sie steht da und raucht eine Zigarette. An und für sich eine ziemlich banale Beobachtung, Eine an und für sich wenig spektakuläre Situation, i know. Doch diese Frau steht lässig im Vorgarten ihres Häuschens und raucht eine. Nun muss man wissen, dass sie zwei kleine Kinder im Vorschulalter hat und wäre es keine Zigarette, sondern ein Glacé, würde ich diesen Anblick genau so befreiend empfinden. Eine Mutter nimmt sich ein Time out. So frech! So gut! Sie sitzt da und raucht einfach eine Zigarette. Zwischendurch läuft sie in die eine Richtung, dreht sich um, läuft dann wieder zurück. Blickt herum. Ganz ruhig, völlig relaxed.

Zurück zum Brennpunkt des Familienalltags, gestern Früh, zu Hause: Die beiden Kinder drehen durch, die Mutter steht am Rande eines -Tobsuchtsanfalls. Der Kleine schreit nach seinem Toast, laut und ohrenbetäubend. Mein Trommelfell platzt gleich. Die Grosse verteilt grad ihr Joghurt (gepanscht mit Orangensaft) auf dem Tisch. Ohhhhm. Der Tisch ist aus Sumpfeiche und wir haben lange nach ihm gesucht bis wir ihn endlich gefunden haben. Ich liebe diesen Tisch. Klar, ich liebe auch unsere Tochter. Doch in diesem Moment bin ich mir nicht ganz sicher, ob sie mit ihrer künstlerischen Performance meine Liebe zu ihr aufwiegen kann. Ich renne also so zwischen Küche und Esstisch hin- und her, putze, schrubbe, quatsche auf die Kinder ein, versuche zu beruhigen, zu schlichten, zeige dämlich auf Dinge, um sie von ihrer aktuellen labilen Gemütslage abzulenken („Oh schau mal das Bild an der Wand“). Und es ist erst acht Uhr Früh. Oh my God.

Die Kinder werfen sich jetzt Sachen an Kopf – ich wringe Lumpen aus, stelle Teller in den Geschirrspüler, hebe Reste des Frühstücks vom Boden auf, Ich renne also fluchend (natürlich nur in Gedanken, man ist ja nun auch ein Vorbild) mit dreckigem Geschirr durch die Wohnung, als ich mit einem Blick durchs Fenster meine Nachbarin sehe. Und ich muss inne halten. Ich stehe da und starre die Frau aus der Ferne an. Im Hintergrund plärren die Kinder. Unsere Blicke treffen sich. Sie lächelt. Ich lächle. Alles ist gesagt.

Warum? Sonst sieht man oft gestresste, übermüdete, herumhetzende Mütter. Am Rockzipfel hängende Kinder im Einkaufscenter, im Kinderwagen schreiende Babys in der Badi, sie alle wollen immer etwas. Essen, Trinken, Spielen, Aufmerksamkeit. Whatever. Das ist ihr gutes Recht. Denn schliesslich hat Frau sie in die Welt gesetzt. Jetzt soll sie gefälligst auch für ihr Wohl sorgen. Trotzdem spielen manchmal die Nerven verrückt, an Tagen wie diese, wenn schon Frühmorgens irgendwie der Wurm drin zu stecken scheint. Darum ist das Bild von meiner rauchenden Nachbarin ein Befreiungsschlag. Es zeigt einen Augenblick der Ruhe, den allen Menschen, jedoch insbesondere Müttern, zusteht: einen Moment der Ruhe. Man tut nichts Besonderes.

Man raucht beispielsweise einfach eine. Man könnte auch auf 100 zählen, Kreise auf ein Stück Papier zeichnen, Dreiecke auf ein Stück Papier zeichnen, ein leeres Papier vor sich anstarren, sich die Schuhe zehn Mal aus- und wieder anziehen, mal checken, was man heute überhaupt angezogen hat, die Flecken auf seiner Hose begutachten, and so on. Stattdessen hetzen wir den ganzen Tag vom einen zum anderen. Und selbst wenn die Kinder (bei mehreren: Gnade Gott, dass Sie zur selben Zeit schlafen) Siesta machen oder sie abends im Bett liegen, greifen Frauen nicht zur Entspannung, sondern zu weiteren Arbeiten.

Das ist einfach überflüssig. Man muss mehr entspannen, im Kopf und auch körperlich. Ist die Küche nicht perfekt geputzt, kann man sich trotzdem mit Mann und Wein hinsetzen. Meine Güte, an so was hätte man früher niemals einen Gedanken verschwendet. Aber vielleicht liegt es an den Kindern oder am Umstand, dass man jetzt Kinder hat, die das eigene Leben derart auf den Kopf stellen und man manchmal nicht mehr weiss wo einem der Kopf steht, so dass man Stabilität im Aufräumen, Putzen und Polieren sucht. Eine tragische Sache, von der ich mich gerne distanzieren würde, believe me. Aber mit Kindern lernt man auch, der Realität ins Auge zu blicken. Und die ist meist ansehnlich, aber manchmal, manchmal benötigt man Ruhe und keinen um sich herum, der was verlangt, erwartet, kritisiert. Wenigstens fünf Minuten lang. Nur meine Nachbarin, meine Nachbarin darf sich auch zu mir gesellen.

 

 

Written by C.