Einfach war es nicht mit @claudiamarinka

Ich habe meinem Vater „Arschloch“ zugerufen, meine Mutter mit „Ich hasse dich!“ angeschrien und meiner Schwester gedroht „Ich bringe dich um“. Für all das schäme ich mich zutiefst. Doch damals habe ich solche Dinge einfach gesagt, ohne zu studieren, ohne (all zu) böse Absichten (meine Schwester hat übrigens überlebt). Ich konnte nicht anders, oder glaubte, nicht anders zu können. Ich war ein Teenager. Ich stand neben den Schuhen. Nahm wenigstens keine Drogen, verbrannte keine Abfallcontainer und verschmierte keine Hauswände. Ich war im Grunde genommen zahm. Doch die grössten Gefechte schlägt man mit Worten. Und jene von Halbwüchsigen gehen tief. Sie prägen sich ins Innerste der Eltern ein, auch wenn sie es doch besser wissen müssten, es nicht zu Ernst nehmen sollten. Denn wir alle waren einst da, wo es nur freien Fall gibt – zumindest emotional gesehen: im Teenageralter.

Heute, 20 Jahre später, sage ich offen: Ich habe Angst vor Teenagern. Nicht, weil sie mir was antun könnten. Sondern weil ich immer daran denken muss, dass meine Tochter und mein Sohn in zehn Jahren auch „ins Alter“ kommen. Ins Alter der Adoleszenz. Oh! My! God! Das heisst für Eltern schlaflose Nächte, endlose Debatten und unzählige Heulattacken. Nicht zu sprechen von den zahlreichen Schimpftiraden, welche man als Mutter oder Vater über sich ergehen lassen muss. Abgesehen vom alljährlichen Pflichtgeschenk – Muttertags-Blumenstrauss – müssen sich Eltern durch eine im worst case jahrelange (!) emotionale Wüste durchkämpfen. Denn die Eltern sind jetzt vor allem eines: Störenfriede, einfach nur peinlich. Wenn Teenager könnten, würden sie ihre Erzeuger wohl wegsperren – natürlich nur, bis wieder Geld benötigt wird. Grosse Gefühlsausbrüche gibt es zwar reichlich, aber sie gelten nicht mehr den Eltern, sondern dem Freund, der besten Freundin, der neuen XS-Jeans oder dem neuen iPhone.

Dieses seltsame Verhalten in freier Wildbahn sollte selbstbewusste Eltern jedoch in keinster Art und Weise irritieren. Man muss cool bleiben. Denn die Zeit wird kommen, da der Verstand der Halbwüchsigen wieder einsetzt. Die Abkehr von Normalität und Stabilität ist auch hormonell bedingt, wie allgemein bekannt ist. Die Kindheit stirbt gemeinsam mit Nervenzellen im Gehirn (www.zeit.de/2006/42/MS-Pubertaet). Unter dem Einfluss von Hormonen sterben manche Hirnzellen ab, werden Verbindungen gekappt und viele Neuronen neu verdrahtet. Deshalb lernen Jugendliche besonders leicht eine neue Sprache, und sie beginnen eigenständig zu denken; gleichzeitig jedoch quälen viele ihre Umwelt mit aufmüpfigem Verhalten – einer Art Nebenwirkung der Hirnreifung.

Das soll auch so sein. Denn Jugendliche sollen sich ausprobieren, die eigenen Eltern verwünschen (partiell zumindest) und sich in unbekanntes Terrain wagen. Aber was Eltern nicht wissen, kann sie auch nicht belasten. Leider verhält es sich für Eltern mit Kindern im Jugendalter genau umgekehrt: Was sie nicht erzählt bekommen (und das ist viel in diesem Alter), belastet sie umso mehr. Denn sie wissen aus eigener Erfahrung: Es gibt Millionen von Situationen, in denen sie selber als 14-Jährige einfach nur Glück hatten – von Vernunft war de keine Spur.

Womit wir bei einem entscheidenden Punkt angekommen sind: dem Erinnerungsvermögen. Wenn man als Eltern überheblich wird und glaubt, man ist auf dem richtigen Weg und weiss es gewiss tausendfach besser als die 30 Jahre jüngere Tochter, dann möge man sich in stillen Momenten doch daran erinnern, wie es einmal war. Wie man sich damals völlig verantwortungslos in gefährliche Situationen gebracht hat und nur mit viel Glück nichts passiert ist. Doch genau um das geht es, das macht die Jugend aus. Dass man sich vergessen darf, sich ausprobieren soll, sich lebendig fühlen. Eigene Erfahrungen sammeln. Auf die Schnauze fallen. Aufstehen. Heulen. Lachen. Am besten alles gleichzeitig und wenn möglich täglich.

In der Zeit der Selbstfindung stehen Eltern vermeintlich im Weg. Sie werden von den eigenen Kids im besten Fall milde belächelt, im schlimmsten Fall als Feindbild angesehen. Die Ratschläge von Vater und Mutter brauchen sie nicht, schliesslich surfen sie. Suchen sich ihre Quellen in Foren, teilen sich in Chats mit oder schreiben Blogs, um sich ein Ventil zu verschaffen (manche darunter verdienen so schon ein Einkommen).

Man will ihnen allen am liebsten zurufen: Tut alles, was ihr wollt, aber versucht trotzdem, euren Verstand zu benutzen. Ab und zu wenigstens. Meist tun es Teenager nicht. Denn meist sind sie – eben Teenager.  Aber überlebt haben wir ja alle.

Written by C.

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