Kürzlich war ich im Zoo. Ich darf hinzufügen, dass wir uns an diesem strahlend schönen Sonntag um Punkt neun Uhr mit Freunden verabredet hatten. Warum die frühe Uhrzeit den Grundstein für einen entspannten Zoo-Besuch legt, durften wir gleich zu Beginn feststellen – in Form einer schon beachtlich herangewachsenen Schlange am Eingang. Unsere Freunde hatten wiederum weitere Freunde mitgenommen. Ein Freundes-Freundespaar mit einem neun Monate alten Baby. Der Vater desselben betonte, wie toll ein Zoo-Ausflug sei und dass die Familie sich gern mit Freunden dort trifft. Selbstverständlich hätten sie ein Jahresabonnement. Ein Umstand, dem man als Zoo-Laie Rechnung tragen sollte. Denn offenbar gehören mein Mann und ich zu einer raren Spezies von Eltern: Wir besitzen keine Jahreskarte für den Zoo. Für keinen, auch nicht für einen kleinen Tiergarten (gibt es da auch Jahreskarten?). Und seit unserem letzten Zoo-Besuch weiss ich auch, warum nicht.

Der Zoo wird überschätzt. Wahrscheinlich ziehe ich mit dieser Aussage den Groll etlicher Zoo-Fanatiker auf mich. Bei unserem Besuch stellte sich heraus, dass die Schar der eingefleischten Zoo-Gänger grösser ist als gedacht – und auch ihre Geduld (oder Überzeugung, dass dies das einzige Programm für Kinder bei schönem Wetter sei). Als wir uns nach dem Mittagessen (und nach vier Stunden abgelaufener Parkzeit) zum Ausgang begaben, bot sich uns ein Bild, das mich ans Anstehen im Osten für Brot und Bananen vor 20 Jahren erinnerte: Geschätzte 200 Menschen warteten in Reih und Glied auf Einlass. Geschätzte Wartezeit: 100 Minuten. Und ich verstand nicht, warum sie sich das antaten. Wegen der exotischen Tierpracht? Wegen mangelnder Fantasie, was man unternehmen könnte bei 20 Grad? Oder einfach, weil man eh eine Jahreskarte hat?

Das Geheimnis erschliesst sich mir auch im Gespräch mit Zoo-Anhängern nicht wirklich. Seien wir ehrlich: ein halbjähriges Baby ist noch nicht sehr erpicht darauf, Elefanten und Löwen «in natura» zu erblicken. In vielen Fällen ist sogar das Gegenteil der Fall. Wenn die Kinder dann grösser sind, kann der Ausflug durchaus einen Grund haben – aber den Zoo-Besuch derart hoch zu stilisieren: bitte nicht. Zoo bleibt Zoo. Vom tierliebenden Standpunkt aus darf man seine Daseinsberechtigung durchaus kritisch hinterfragen. Soll man seinem Kind wirklich weismachen, dass der Löwe auf diesem begrenzten Platz «glücklich ist»? Oder ist er «glücklich», weil er nichts anderes kennt?

Ich bin weder Zoologin noch Biologin, und der Zoo Zürich bietet Besuchern in der Tat einiges. Er unterstützt Naturschutzprojekte und bringt Kindern die Tiere auf spielerische Art näher. Millionenschwere Ausbauten sollen den Tieren eine möglichst artgerechte Haltung bieten. Der Zürich Zoo stellt wenn möglich auch Tiere für Wiederansiedlungsprojekte zur Verfügung. Das ist alles Fakt und löblich. Man nimmt nicht nur, man gibt auch. Trotzdem bleibt er: ein Zoo. Auf Wikipedia ist zu lesen: «Zoo (altgr. «Lebewesen, Tier») ist die Kurzform für zoologischen Garten und bezeichnet eine grosse, meist parkartige Anlage zur Haltung und öffentlichen Zurschaustellung verschiedener Tierarten».

Betrachten wir also den gesellschaftlichen Aspekt ein wenig näher. Da trifft man sich also mit den Kindern und beäugt einen Käfig nach dem anderen. Wer sich da zum Affen macht, ist ja bekanntlich nicht gänzlich zu klären. Jedenfalls toben die Kinder herum, quengeln auf den Spazierwegen, und die Eltern trifft man dann schnell mal im Restaurant an – weil a) die Kinder schon wieder Pipi müssen, b) die Kinder nach Pommes verlangen oder c) weil sich die Eltern mal ausruhen möchten, fernab von wild things. Aber wahrscheinlich steht meine subjektive Wahrnehmung im höchsten Masse im Widerspruch zur heutigen elterlichen Pflicht: einem Abo für den Zoo.

Written by C.